Trübe Gedanken

Manchmal sitze ich am Fenster und schaue hinunter zur Straße, gerade jetzt, wo der Nebel sich in dicken Schwaden am Glas vorbeischiebt und sehe, wie sich die Stadt bewegt. Schatten um Schatten schleicht vorbei und dabei frage ich mich, was macht diese Menschen aus, außer der zugeknöpfte Mantel, die Mütze, die tief ins Gesicht gezogen ist, der Beutel, der mit einem lässigen Bild über der Schulter hängt, oder das Kind, was lachend über die Schulter seiner Mutter schaut. Doch, wenn ich mich entferne vom Detail, vom dem, was uns ausmacht und das Ganze betrachte, dann bekomme ich Gänsehaut und Angst. Und das schlimme daran ist, dass ich selber in diesem Strudel gefangen bin. Mich nicht ausnehmen kann aus der Abrechnung. Ich sitze selber vor dem Haufen an Scherben und muss sie irgendwie zusammensetzen, obwohl ich sie ebenso selber zerstört habe. Auch ich muss entscheiden, ob mir die Anerkennung der Gesellschaft wichtiger ist und ich leben "darf" oder ich meinen Träumen hinterher jage. Es ist ein Balanceakt auf einem sehr dünnen Faden und daneben der gewaltig tiefe Abgrund. Wir haben eigentlich alle zu wählen zwischen der Sonne, dem Licht und dem Tag oder der bitterkalten, tiefschwarzen Nacht.
Die Welt von heute bedient sich sowieso nur den Einfachheiten, bedient sich der Belanglosigkeit im Leben, denn nach Größerem braucht man nicht zu streben. Der Effekt dabei ist, dass wir uns nicht weiter entwickeln. Wir stagnieren auch nicht, nein, wir entwickeln uns zurück. Werden hirnlose, sich fortpflanzende und das paradoxe daran, geldgeile, wie ich dieses Wort verabscheue, Primaten. Sehen nicht mal mehr den Zusammenhang zwischen Leistung und Geld. Der Kreis der Menschen, die wissen, welch Leben sie geschenkt bekommen haben, ihren Verstand dazu nutzen, die Horizonte neu zu entdecken, dieser Kreis wird immer kleiner werden, bis wir schließlich den Bäumen wieder innewohnen und voller Instinkt dem Leben nach gehen. Mich graust es bei der Vorstellung, irgendwann auf diese Menschen bauen zu müssen, denn die Kinder derer lernen nur das, was der Kreis um sie herum zu lehren vermag. Doch scheint das Wissen über die Bedrohung nicht mehr wert zu sein, als die Erkenntnis derer, deren Verstand noch arbeitet, dessen besagter Kreis immer kleiner wird. Nämlich nichts.Wir sehen es zwar, doch dagegen können wir trotzdem nichts tun. Es ist wie ein tödlicher Erreger. Er frisst sich langsam, aber sicher, wie die Pest durch die Gesellschaft, bis keiner der rettenden Seelen mehr vorhanden ist und immer mehr primitive Wesen die Welt bevölkern. Kaum noch ist ein Unterschied zwischen Mensch und Tier zu sehen. Traurig. Ich platze bald vor Schmach über die Entwicklung unter meinen Füßen. So groß die Welt sein mag, so sehr fangen wir an uns wieder zu gleichen. Bringen nur noch hervor, was es sowieso schon gab. Werden schrecklich hässliche Kopien von sowieso schon stumpfsinnigen Figuren. Obgleich wir so vielfältig sein könnten wie die Natur mit all ihren grotesk & ästhetischen Facetten. Anmutig und stilvoll, süßlich zart bis gewaltig atemberaubend. Bitter & grob, wie elegant & tugendhaft. Alle Worte der Welt würden nicht beschreiben können, wie mannigfaltig, wie es kein Gott vermocht zu erschaffen, wir sein könnten. Selbst ich stoße an die Grenzen meines Wortschatzes, aber nicht etwa weil der Selbige zu klein wäre, es gibt einfach keine Wörter, die es zu beschreiben vermögen, geschweige denn trägt es einen Namen. Doch dies alles nützt nichts, denn nur die, die Fäden ziehen, wissen was sie tun oder auch nicht. Sie sehen den Profit, widmen sich nur noch Dingen, die Geld einbringen, statt mit Leidenschaft an einer Sache zu arbeiten, doch die wirklichen Folgen, das Sterben der Gesellschaft, sehen sie nicht. Das fängt an bei den Medien, die uns kontinuierlich einpflanzen, wie die Welt da draußen zu funktionieren hat. Dabei tischen sie uns in jeder Sekunde Lügen auf.
Ganz schlimm ist die Darstellung der Menschen. Jedes Geschlecht für sich wird in einen Rahmen gepresst, der nur Wenigen passt und wer hinausfällt, befindet sich urplötzlich am Rand der Gesellschaft, obgleich jeder für sich, schon immer alleine gewesen ist. Dabei ist es nebensächlich, wie wir uns indes fühlen, werden nur noch als winziges Zahnrad in einer quietschenden, sich verkeilenden Maschinerie gesehen. Wer sich nicht einfügt, wird ersetzt. Ganz gleich, ob der Nächste den Erwartungen entspricht oder aber, nur ein Trugbild einer Zeit ist, in der Lügen und sich eine Maske aufzusetzen der alltägliche Gang ist. Leere Hüllen ohne Gefühle, leere Köpfe und Seelen ohne Gewissen, leere Herzen ohne Liebe, nicht zu vergessen die Kinder, die auf solch einer Grundlage ihr Leben erlernen oder als noch weniger betrachtet werden. Dabei sehen viele diese Missstände, doch Keiner unternimmt etwas, jeder sieht sich als Opfer.
Opfer, ein Wort, dessen Geschlecht schon darauf hinweißt, nebensächlich zu sein, weder Verbundenheit, noch Leben auszustrahlen. Einfach ein kleines bisschen Menschen ohne Seele und Verstand zu sein. Ohne Sinn und Schmerzen, ohne Gefühle, ohne Tränen. Ohne Wünsche, ohne Träume. Nur als ein Haufen zusammenhangsloser, optisch dem Menschen gleichender Merkmale. Man begrenzt sich auf den Zweck, nicht aber auf das eigentliche Wesen.
Dennoch weist jeder die Schuld von sich und ist nicht bereit zu helfen. Denn Keiner ist mehr bereit Vertrauen zu empfinden, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden und Realität von den Geschichten in den Medien. Wie starrköpfige Roboter aus dem vorherigen Jahrhundert, deren Lochkarte nur noch ein Rand ist, denn mehr als Leere ist in den Köpfen der Menschen nicht mehr zu finden. Aufgrund dessen entstehen Genrationen, deren Vorstellung und Bild von der Welt & deren Realität sich verzerrt. Bizarre Formen von Umgang, Sprache und Verhalten hervor bringt. Sich Instrumente zum Mittel machen, die wahnwitziger nicht sein könnten. Dabei fehlt es ihnen nicht etwa an Verstand, nein, nur die Fähigkeiten die Folgen ihres Handels vorher abschätzen zu können. Was nun dazu führt, dass Strafen nicht mehr fruchten, dass Autoritäten nicht mehr an erkannt werden und kein Respekt mehr gezollt wird. Nicht zuletzt der Grund, meine Passion für die alte Zeit zu erklären. Doch viel tiefer wirkt sich dieses Bild aus. Denn es betrifft uns alle. Wir überleben nur, wenn wir Hand in Hand greifen, doch wollen wir noch die uns gereichte Hand wirklich ergreifen? 

- Nóirìn - 



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