Hautnah.

Das Klirren der Scherben, der dumpfe Knall auf dem Asphalt, wie Musik in meinen Ohren.



Der Schein durch das Fenster war grau. Tropfen perlten an der Scheibe hinab. So viele Tage regnete es schon. Ihr Blick trüb, wie die Welt vor ihrem Fenster, schaute sie hinaus. Ihre Augen mit jedem Moment leerer, starrer hinaus ins Nichts gerichtet.
Das Herz fest zusammen gezogen, aus Angst es schlagen zulassen und sie würden die Schmerzen des Abschieds übermannen.
Sie vergaß, dass nicht nur das Herz liebte. Eine vollkommene, ewige Liebe ging auch durch die Seele. Durchströmte sie mit bittersüßem Honig, zäh, sodass sie sich langsam aber sicher verankerte.
So war es nicht verwunderlich, dass ihre Seele so leer schien, so verloren. Ihre Augen nur Fenster zum inneren Kern dessen. Blickt man hinein, sieht man nur Dunkelheit. Vielleicht ein Grau, ein Grau, das nur den Alltag beleuchtet. Der Rest weg gesperrt. Sonst würde sie sich innerlich zerfetzten. Sterben.
Ihre Liebe war so unbändig gewesen. So echt, so nah, so rein. So unter die Haut gehend. Jede Berührung seiner Haut auf ihrer, war wie ein Feuerwerk gewesen. Unermesslicher jeder Kuss, nicht in Worte zu fassen. Doch nun fühlte sie Gift in ihren Venen, schwarzes ekliges Blut, was sie fühlen ließ. Noch ertrug ihr Verstand die Gegenwehr, versuchte die schützende Maske aufrecht zuerhalten, doch sie bröckelte. Stieß an die Grenzen ihrer Kraft.
Es war so schrecklich gewesen, so heftig, so kreischend abscheulich. Es kam wie ein Unwetter, eine Katastrophe. Erst langsam, still und leise, dann heftig und tödlich. Grausame Dunkelheit hatte sich im letzten Moment um ihre Seele gelegt, um sie zu schützen.
So waren ihre Tränen versiegt.
Doch nun, nun da die Maske zerbröselte, wie Sand in der Wüste durch ihre Finger rieselte, verschleiert und verschleppt vom Wind. Begannen sie zu rinnen unaufhörlich und bitter. Rollten über ihre Wangen, hinab in die Tiefe der Dunkelheit und gesellten sich zu den Tropfen auf der weißen Fensterbank. So stand sie, der leere Blick noch immer vor dem Fenster hinaus starrend und aus ihren Augen rollten Tränen. Doch keine aus Wasser, keine aus hässlichem blauäugelnden Wasser. Sie waren rot, blutrot. Besprenkelten das Weiß des Rahmens und der Bank mit einem grässlichen Muster. Jeder Tropf bekam einen dumpfen Knall, als er aufkam. Doch er schien tosend wieder zu hallen. Ohrenbetäubend laut, als ob das Meer hinter ihrem Fenster sich zu riesigen Wellen erhob.
Ihre Fingerspitzen berührten das kalte Glas. Die Kühle zog durch ihre Haut. Es fühlte sich an, als würde das Blut in ihren Venen gefrieren.
Furchtbar dichter Nebel zog vor ihrem Fenster auf. Legte sich gegen die Scheibe. Sie senkte die Lider. Ihre starren, grauen Augen blickten noch immer ohne Ziel durch das Fenster hindurch, als sie eine Hand hob und einen Finger an ihre Lippen legte. Sie spürte seinen letzten Kuss. Noch warm ihre Lippen von den seinen, von seinem Andenken an ihn.
Seine Lippen hatten immer nach eine Melange aus Lavendel und Honig schmeckt. Und ebenso tief nach kraftvollem Zedernholz getränkt mit einem Hauch von gereiftem Whiskey hatte er seinen Duft verströmt, wann immer er in den Raum getreten war. Wenn er sprach, dann waren diese Klänge eine Symphonie aus rauen und tiefen vibrierenden Tönen. Gar so, als ob er seine alte Lady startete und der Motor gediegen seine rußigen Töne ausspuckte.
Ihre Tränen überschlugen sich, als sie sich ihrer Gefühle ergab. Sich das Mannsbild vor ihrem inneren Auge formte. Seine Gestalt sich zusammen zog, aus dem gräulichen Etwas vor ihrem Fenster. Zuerst nahm sie nur undurchsichtige Formen wahr. Bevor sie als erstes erkannte, dass sich sein Gesicht verdichtete. Seine Augen. Froh und lächelnd auf sie blickend. Die Lippen, die seine weißen Zähne zeigten unter dem Lachen, das er ihr zuwarf. Wie Tinte in Wasser zog sich aus dichteren Schwaden immer mehr seine Gestalt zusammen. Seinem Kopf schlossen sich die breiten Schultern an. Die aufrechte Haltung, wie je und je beschützend.
Sein letztes Hemd, das er trug, bevor er gegangen war, hing schief und zerfetzt über selbigen Schultern. Seinen Arm hebend vervollständigte sich das Bild. Bis hin zu den Schuhen, die er so gern trug, an seine Reisen erinnernd. Ebenso wie die Hose geschunden von letzten Augenblick. Derweil öffnete er die ihr zugewandte Hand, lächelte nickend.
Noch unbegreiflich stolperte ihr Verstand, verdrehte & verzerrte sich, kam ins Trudeln und blieb verwundert in einem grauen Raum auf dem Boden auf, nun sitzend außer Gefecht.
Doch ihre Seele verzehrte sich nach ihm und sie fühlte wie Wärme in ihre kalten Venen stieg. Bitterlich süß, durchströmte es das Herz und ihre bluttriefenden Tränen verwandelten sich sofort in Wässrige aus deren Freude. Ihr Lächeln verzerrt und doch echt, legte sie eine Hand auf ihr Herz und die andere wieder gegen die Scheibe.
Sonne durch schien den Dunst. Tauchte seinen Körper in einen goldenen Glanz. Plötzlich vernahm sie seine Stimme. Leise und ewig weit entfernt. Als ob er nur in ihrer Seele sprach. Als ob er ihr nur zu säuselte mit dieser tiefen, rauen Stimme des Windes.
Sie spürte das bassige Vibrieren darin, genauso als ob sie wieder auf seiner Brust lege und er ihr Geschichten erzähle.
Wie ein wunderschöner Traum nährte er sich dem Fenster. Ließ seine Grübchen abermals aufblitzen, bevor er selber zitternd seine Hand gegen die Scheibe legte. Ihre unwillkürliche Reaktion war es, ihre Hand ebenso auf seine zu legen, zwischen ihnen nur das Glas. In ihrer Seele war sie fest der Meinung, die Wärme seiner Hand ließ ihr Herz tauen und randvoll mit Liebe anfüllen. Es war, als ob er ihr wieder diese alte Freude schenkte, wenn sie zusammen im wilden Garten auf einer Decke gelegen hatten und er mit leisem Summen einlud zu verweilen. Er ihr Blüten ins kupferne Haar steckte. Sie sich aus die Watte gefüllten Wolken neue Bilder und Träume ersonnen. Der Duft des Sommerabends sie schwermütig umhüllte und schläfrig machte. Etwas weiter entfernt das leise Rauschen des Meeres als stetig Untermalung. Ein Idyll, das den Namen Heimat trug.
All das spürte sie, als sich ihre Fingerspitzen durch das Glas fast hautnah berührten.
Doch jetzt, wo sie sich ihre Haut seiner nährte, wusste sie sie wollte ihm folgen. Wollte nicht ohne ihn leben. Wollte sich wieder in seine Arme begeben, seine Küsse spüren, nicht minder intensiv seine Liebe wieder ganz nah bei ihrem Herzen wissen.
Ihre Hände begannen unwillkürlich am Holz der Fensterleibung zu hantieren. Doch sie erreicht ihr Ziel nicht. So gab er ihr nickend ein Lächeln. Als sie bemerkte, dass sich seine Gestalt zu verflüchtigen begann, trieb sie sich unter ihren Freudentränen an. Ihre Schritte gingen rücklings und einige zurück ins Zimmer, bis sie wippend zum Stehen kam. Erleuchtet vom schrägen graublau dieser Welt da draußen, schien diese Szenerie und ihr Wunsch darin so unwirklich, wie er vor ihrem Fenster. Sie band sich ihr Kleid noch einmal fest um die Hüfte, drehte sich zum Fenster, hinter dem er auf sie wartet. Ihre Kraft sammelte sich und als sie zu rennen begann, war ihr klar, sie würde sich dieser Welt entledigen, diesen Dunst abstreifen und wieder ganz nah bei ihm sein.
Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie das Glas rasend schnell auf sich zu kommen sah. Sein Lächeln wurde freudiger und er streckte ihr seine Hände entgegen.
Als sie laut klirrend das Glas durchschlug und der Fall einsetzte, begann sie bitterlich zu weinen. Ihr Herz gab im letzten Moment frei, was sich in rostigen Fesseln darum gelegt hatte. Dieser Schmerz, dieser unvermittelte Abschied von ihm, hatte sie so heftig erfasst, dass sie bis jetzt nicht erahnen konnte, wie tief dieser reichen würde.
Und so fiel sie zwischen den glimmenden Scherben hindurch, den Dunst des goldenen Scheins & die blutigen Tränen auf ihren Wangen und um ihren Körper seine Umarmung spürend, hinab. Ihre Lippen noch warm vom letzten Kuss. Der Wille im Kopfsteinpflaster eingemeißelt, nun an seiner Seite zu verweilen, kroch das dunkelrote Blut durch den Sand und versickerte im Boden.


- Nóirín -
 


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3 Kommentare :

  1. Ein sehr leidenschaftlicher Text mit tollen Bildern! Welchen Effekt hast du für die letzten Bilder genutzt?

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    1. DANKE!
      Ich benutze Photoshop mit ein paar Filtern und verändere sie dann für meine Zwecke.

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  2. WOW! *__________________* Deine Text und deine Bilder sind großartig, du hast echt Potential! :)
    liebst Elisabeth-Amalie

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