Der Melancholist.

[melaŋˈkoːˈlɪst]
„Muse & Mirror“ - Der Melancholist, Muse und Spiegel meiner Seele. Zu finden in „Taubheit“.




Zu Papier gegeben sind es zwei, ältere Erzählungen desselben Mannes. Derselben unverkennbaren Muse in Gestalt dieses grau-äugigen Blinden.





{Mirror}


Manchmal ist es so schwer die Geschichten in Worte zufassen. Ich spüre sie, wie sie unter meiner Haut brodeln und nichts sehnlicher wollen, als hervor zutreten. Sich dem Rausch hinzugeben. Im Winde der Worte zu den Wolken hinaufzusteigen mit den Zeilen zu fliegen, weit hinter den Horizont.

Sich zu entfalten, wie eine Blüte im Frühling. Sich zu erheben, wie die Vögel am Ende des Tages. Fort zu ziehen. Auf Reisen zu gehen. Der Feder tanzend zu folgen und doch einen völlig eigenen Weg zu gehen. Sich selber zu verdrehen und mit drehender Höhe hinab zu fallen, durch den Abgrund zu segeln im Wasser aufzukommen und sich treiben zulassen.
Es sind seine grauen Augen, die mich verfolgen, die mir keine Ruhe lassen, mich in den Wahnsinn treiben. Sie schauen mich an. Es liegt keine Regung in ihnen, sie scheinen tot - vorwurfsvoll. Wenn er zu mir spricht, höre ich seine Melancholie in der Stimme. Eine bass-vibrierende, honigzähe, raue Stimme verlässt seinen Körper. Und er ist es, der seine Geschichte erzählt, die auch ihm so viel abverlangt.
Verzerrt, wie die Töne aus einem alten Radio, trifft die Stimme meinen Verstand.
Rau & tief wie der Ozean der Klang.
Farbig die Melodie darin, vibriert zäh wie Honig.
Es fühlt sich so schwer an seine Melodie aufzunehmen und hörbar zu machen. Sie tropft vor Schwermütigkeit, vor bitterem Leid, kreischenden Schmerzen und einer tiefen Melancholie, die sich in das Herz brennt mit jedem Wort, das man versucht mit zitternder Hand auf Papier zu bannen.
Man möchte mit ihm weinen und doch, lässt man dies zu, stürzt man in dieselbe endlose Schwärze, die ihn umgibt, wie der Nachthimmel die Sterne. Der nötige Abstand ist die Kunst. Die Balance zwischen Mitgefühl und absoluter Gefühllosigkeit - gar der Schadenfreude und die Lust am Schmerz.
Sein Blick wird nie mehr tragen, als das was er erfahren hat - nie wird er Freude zeigen, diese wurde jäh vom Schicksal gestohlen.
Wenn man ihm ins Gesicht lacht, ballt er die Fäuste. Doch auch dann bleibt sein Antlitz ganz und gar kalt. Nur unter der Haut, da brodelt es wie Feuer. Zäh und nachtschwarz zieht sich sein Blut durch die Venen. Kocht auf und wird zu Farbe unter seiner Haut. Die Zeit, den Takt gebend, zwingt ihn in die Knie. Doch auch da zeigt er keine Regung, nur sein Körper erniedrigt sich gar seiner Gefühle.
Und dennoch ist er meiner Seele so nah, egal wie weit ich mich von ihm entferne, so sehr hängt er in den Seilen meiner Seele, als Marionette meiner Gefühle, meines Herzens - spricht nur durch mich hindurch mit der Welt. Stumm schreit er die Worte, die im Echo ungehört verklingen.
Seine Seele scheint leer. Und doch angefüllt von Chaos. Aus einem von Schmerz triefenden Chaos, als ob die Apokalypse bevorstehe.
Ich wünschte, er wäre echt, doch dann würde ich untergehen, denn er ist nur ein hässlich verzerrter Spiegel meiner Maske und der scheuen Seele dahinter.
Und keiner sieht, dass sie kaputt ist, diese Seele. Die äußere Hülle intakt, aber der Kern ein heilloses Chaos aus Scherben.


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  


✻  ✻  



{Muse}

Wenn die Welt da draußen kalt wird und der Regen die Straßen durchzieht. Kalter Wind unter die Haut fährt, dann wartet man sehnsüchtig hinter dem Fenster auf die neue, erwachende Welt da draußen. Doch was kommt, sind nur trübe Gedanken. Mir erscheinen Bilder von Menschen vor meinem Inneren. Gekleidet wie Gentleman aus vergangenen Tagen, doch auch mal über und über mit Zeichnungen und Bildern bedeckter Haut. Ihre Stimmen tief, rau und doch Gänsehaut-schön. Seine Haut ebenso unverkennbar die eines Reisenden. Der eine trägt viele, abertausende Erinnerungen auf der seinen, der andere spürt eine andere Kraft unter seiner Haut in den Venen pulsieren, als wäre es das Blut höchstpersönlich, was unkontrollierbar zu kochen beginnt. Sie gleichen sich. Sind fast dieselbe Person. 
Er ist immer der eine, der zu existieren scheint. 
Von Kopf bis Fuß eine Erscheinung, die man nicht vergessen kann. Es gibt Tage, da sehe ich ihn, wenn ich aus dem Fenster starre. Er legte seine Hand von außen an das Glas und ich die meine von innen und spüre tatsächlich seine Wärme. Sein Lächeln und seine Melancholie, denn aus dieser ist er erwachsen. Er trägt so viele Geschichten in sich. Ist mehr als nur eine Hülle, in der Worte existieren.
Sein Füße stecken, wann immer es möglich ist, in außergewöhnlich eleganten Schuhen. Seine Hose aus gutem Stoff schließt sich an einem Hemd aus einer hellen Erscheinung an. Seine Schulter überspannen zumeist Hosenträger, verdeckt von einer Jacke, die einem Edelmann der heutigen Zeit gleichkommt. Seine Haare braun bis grau, je nach Stimmung frech ins Gesicht hängend, die Seiten kurz geschnitten schimmern immer mal Bilder auf seiner Haut darunter hindurch. 
Sein Körper willensstark, mächtig und kontrolliert. Seine Hände beschützend greifen sie manchmal nach mir, doch in diesen Moment scheint er so weit weg zu sein, scheint er zu schreien, doch ich höre sein Flehen nicht. Schon wieder greift er ins Leere. Nehme nur wahr, wie seine Lippen sich bewegen, wie seine Augen vor Melancholie zergehen im angesichts des Regens, der die Erde grau und schläfrig macht. 
Steckt er in einem Anzug, sieht man unter den Manschetten die Bilder, die er so hasst, oder aber er schwingt sich als schwarz gefiederter Fremder hinauf auf die Dächer der Stadt. 
Doch eines, das kann er mir nie zeigen, so sehr er sich auch bemüht, bleibt mir das immer verborgen. Ich möchte weinen, wann immer er es versucht und ich nur durch ihn hindurch schauen kann und nicht wahrnehme, was seine innere Melodie ist. Ich spüre seine Seele, das Herz, wie es pulsiert. Doch lacht er, sehe ich nur sehnsüchtig auf seine Lippen. Nehme wahr, dass seine Augen unverändert auf mich starren, doch sehe sein Gesicht nicht, sehe nicht wie seine Augen zusammen mit dem um spielenden Lachen auf den Lippen beginnt zu tanzen. Wie es eins wird, wie all das irgendwie auf eine ungeheure Art und Weise plötzlich zusammenpasst. Wie es Form annimmt. Es geschieht, dass ich mich dabei ertappe, das ich versuche Merkmale zu erkennen, die sich nur auf den Körper beziehen. Sei es die enorme Stärke, die er ausstrahlt, die Hände, auf die er gerade vor sich hinabschaut, oder aber das breite Kreuz, wenn er sich mir abwendet und versucht meinen Fängen zu entkommen. 
Und wie er plötzlich auch mal in sich zusammenfällt zu winzigen kleinen Scherben, um mich zu verlassen - auf unbestimmte Zeit. Oder er zurückkehrt gänzlich unverhüllt, weil seine Gestalt, in der mich besucht, die eines Rabens war. 
Ich sehe die Tränen, die über seine Wangen rollen, hinab zum Kinn, sich darüber hinaus schwingen und am Hals weiter hinab perlen. Wie die Venen pulsieren, wenn er die Kontrolle verliert. Die Muskeln sich anspannen, bevor er zum Sprung in den Abgrund ansetzt. Um von unten als schwarzer Gentleman flügelschlagend hinauf zu segeln. 
Seine Augen sind mal grau an der Farbe, mal grau, weil er nicht wahrnehmen kann, was passiert. Erblindet - so wie ich. Doch immer spürte er, wenn ich zu gegen bin und beginnt mit mir zu reden. Mal leise, mal flüsternd, mal eine Melodie summend, mal schreiend und knurrend und nicht zuletzt stumm mich nur kalt anblickend aus seinen grauen Seelen. 
Sehnsüchtig gebe ich mir seiner schwermütigen Melodie hin, versuche sie aufzunehmen, zu übersetzen und seine Hülle mit Worten zu füllen. Versuche, auch wenn er seine Maske nie absetzt, zu sehen, was dahinter versteckt ist. Es ist, als sei ich blind, ich würde nur zu gern meine Hand auf seine Wange legen, seine Wärme spüren und in seinem Gesicht diese wahnsinnig schwere Melancholie sehen. Ich fühle sie nur. Es ist, als ob ich nur seinen Herzschlag spüren, seine Lächeln fühlen und seine Trauer in mich ziehen kann, doch niemals sehen. Niemals diese Symphonie an Leben & Mann in seine Gänze erblicken darf. Es schmerzt so sehr in meinem Herz. Doch glaube ich ebenso, dass er nur zu mir kommt, um mir begreiflich zu machen, nur weil ich ihn so sehe, als sei ich blind, nur deswegen erscheint er mir so, wie er ist, dass es mein Blick auf die Welt intensiver macht. Will mir zeigen, dass er so viel mehr als nur eine Person für mich sein kann. Erscheint er mir göttlicher, des Raben Gentleman oder dem Geschichten unter der Haut tragenden verfluchten Melancholist. Nur deswegen nimmt er diese Gestalten an. Nur deswegen ist er meine grauäugige Muse.
Es ist seine Stimme, die mich fesselt. Die mich glauben lässt im Regen auf seiner Brust liegend im hohen Gras zu träumen, als wäre er ganz nah bei mir. Als ob sein tiefes Echo in mich übergeht und dort Wärme hinterlässt. Das Vibrieren des Basses auf meiner Haut ihre Kreise zieht und in meinen Ohren widerhallt. Dabei auf seine Bilder unter der Haut schauend, begreife ich, dass er doch nur aus dem grauen Dunst vor meinem Fenster entstanden sein kann. Seine Lippen sind so kalt, wie der Regen an der Scheibe. So bitterkalt und schwermütig, wie seine Seele. So leer, wie der Himmel, wenn sich die Raben zur Ruhe begeben und es meine Aufgabe es ist, ihn mit Tränen, Schwermut & bittersüßen Melodien zu füllen. Ansonsten bleibt er regungslos vor meinem Fenster stehen. Seine Augen gar weiß, wie die eines Blinden. Nur durch mich beginnt er zu sehen. Das Herz still, als ob er nur eine Puppe wäre, beginnt nur dann zuschlagen, wenn ich ihn an die Hand nehme und führe. Seine Schritte werden erst dann tonnenschwer, wenn ich ihn Last auf seine Schultern lade. Seine Hände erst zu dieser Einladung aus Wärme und Schutz werden, wenn ich ihn erlaube zu lieben. Und die Tränen erst salzig, wenn ich ihm einen Grund dazugebe, innerlich in abertausend Scherben zu zerspringen. Erst bitterlich zu bluten, wenn ich Götter erschaffe, die ihn verachten und ihm erlaube erst dann den Hass & Sehnsucht zu fühlen, die er braucht, um seine Melodie vollkommen zu machen.

… Ich spüre, wie seine Hand auf meiner Schulter liegt. Versuche sie zu greifen, doch meine Hand nach vorn gerichtet, berühren meine Finger nur das kalte Spiegelbild.
Dreh ich mich um, steh ich allein.
Nur Schein, der mich trügte.
Mir vorlog, es gäbe mehr.
Und doch ist er nur ein Produkt meiner Fantasie.
All das geboren im Nebel der Melancholie, der Symphonie aus Träumen in meiner Seele und den Geschichten darin.
Und erst wenn sich dieser Mann sich zu mir umdreht und er ein Gesicht trägt…



✻  ✻  



✻  ✻  



✻  ✻  



✻  ✻  



✻  ✻  



✻  ✻  



✻  ✻  



0 Kommentare :

Kommentar veröffentlichen