PARALLAX.

CHAOS.


Bilder im Kopf von Menschen und ihren Gesichtern, die verblassen. Nebensächlich ob Liebe oder Freundschaft im Spiel ist, jedes Mal wird dieses Gesicht zu einem blinden Fleck.

Gesichtsblind.

Blind sein und doch sehen können. Gesichtsblind zu sein. Kreativität und Fluch zugleich.
Gesichtsblindheit ist ein Hirndefekt im Erinnerungszentrum. Ausgelöst durch einen Hirnschaden entsteht eine Vernarbung im Gehirn. Ursachen dafür können ein Unfall sein, oder diese Vernarbung ist angeboren.


Stell dir einmal ein Gesicht vor. Völlig egal, ob es ein Bekanntes, oder Erdachtes ist. Erkennst du die Gesichtszüge? Erkennst du das Gesicht als Ganzes? Ergeben alle Details für dich ein komplettes Bild? - Sollten sie. 
Doch bei mir nicht. Bei mir, so sehr ich mich auch anstrenge, entsteht niemals ein komplettes Gesicht in meiner Vorstellung. Nie ergeben einzelne Merkmale ein komplettes Bild. Dies führt dazu, dass ich mir reale Gesichter nicht merken kann. Das reale Merkmale in echten Gesichtern niemals in Beziehung zueinander abgespeichert werden, sondern nur einzeln, wenn überhaupt. Da müssen es schon extrem außergewöhnliche Eigenschaften sein, ein Bart zum Beispiel, eine Narbe, Piericings etc.
Eher noch werden dann Körpereigenschaften abgespeichert. Wie bewegt sich eine Person, wie hört sich ihre Stimme an, wie riecht sie, wie fasst sie sich an. Und wenn es eine tiefe Bindung zu einem Menschen ist, erkenne ich ihn am Gefühl. Vielleicht daran wie man sich im Arm liegt, aber was dann in meinem Kopf existiert, ist ein warmes Gefühl von Vertrauen in die Freundschaft oder Liebe.
Das Abspeichern nur einzelner Merkmale ermöglicht es meinem Kopf in verschiedenen Gesichtern ähnliche Merkmale wiederzufinden und mir dann fälschlicher Weise zu suggerieren, dass dieser Mensch der Nachbar von gegenüber ist, jedoch in Wahrheit mir noch nie begegnet ist.
Auf der anderen Seite erkenne ich Gesichter als Gesichter. Sie sind nicht hüllenlos. Ich schaue ihnen ins Gesicht und sehe das Gesicht als Ganzes. Sehe die Beziehungen und Verbindungen zueinander. Mund zu Nase, Augen zur Stirn etc. Aber eben nur in dem Moment, in dem ich diesen Menschen ins Gesicht schaue. Schon ein Wegdrehen des Gesichts ins Profil lässt das gerade gesehene zu Staub zerfallen. Ich erkenne also Gesichter als Gesichter, wenn sie vor mir stehen. Ich sehe sie als komplettes Bild. Der Defekt beginnt sobald es um die Erinnerung und Vorstellung eines Gesichtes geht und es dafür keine reale, direkt (anwesende) Vorlage mehr gibt.

Was mir schwer auf der Seele liegt, ist der Fakt, dass ich mit diesem ganzen Wahnsinn eine Angst mitbekommen hab. Eine Angst vor Gesichtern, vor Blicken aus deren Augen. Panik regelrecht, gegen die ich jedes Mal ankämpfe. Einem Blick stand zuhalten, erfordert sehr viel Überwindung und viel Kraft dem Drang nicht nachzugeben, die Flucht anzutreten.


Und dann entsteht plötzlich ein Chaos. Ein Chaos ausgelöst durch die Wahrnehmung aller Sinne. Ein Mensch, Bart, nennen wir ihn Clyde, für mich immer wieder leichter erkennbar, dass er dieser Mensch ist. Eben dieser Bart an diesem Menschen mein Merkmal für ihn, ihn zu erkennen. Clyde entschied sich dazu seinen Bart komplett abzulegen. Gründe nebensächlich. Wohl wissend beobachtete ich ihn dabei, wie Stück für Stück mehr von seinem Gesicht zum Vorschein kam. Zu diesem Zeitpunkt durch den Spiegel. Bewusst, dass so fast kein echter Augenkontakt zustande kam (kommt). Doch nach dem nun wirklich nichts mehr vom Bart vorhanden war, drehte sich dieser Mensch um. 
Er ist ein Mensch, für den ich viel im Herzen trage. Doch nun schrie mein Kopf mich an: 
FREMD. ANGST. RENN! 
Mein erster Gedanke, war weder wie schön dieser Mensch ist, noch wie gut die Arbeit des Rasierens war oder wie viel jünger er doch aussieht. Mein erster Gedanke war, bei dem Menschen, bei dem ich vor Stunden noch zufrieden von Vertrauen in seinem Arm geträumt hatte, zu flüchten. 
Mein Gehirn baute aus dem Chaos nur diese Gedanken: 
„Fremder. Fremder. Du kennst ihn nicht, renn weg.“ 
Der Urinstinkt im Gehirn, der hier die Oberhand gewann. Alles auf Reset gesetzt und weg mit den Gedanken, Empfindungen und vor allem von dem Gefühl für ihn. Nichts an seinem Charakter fokussierte ich noch in ihm.
Hätte mich Clyde nicht sofort in seine Arme geschlossen, wäre ich ohne ein weiteres Wort davon gewesen. Er sprach, seine Stimme war neben meinem Ohr, sofort löste sich meine Starre aus dem Körper. Der Geruch schwang mir in die Nase, mein Gehirn fuhr runter. Vergaß das Bild des „gesichtslosen“ Menschen von eben. Das Adrenalin nicht ganz unschuldig an meiner Panik. 
Dann waren wir stumm, stand einfach so Arm in Arm da. Ich hoffte es würde reichen, dass er sprach, wie Clyde sprach und roch, wie Clyde roch, doch ich rechnete nicht mit der sturen Intelligenz, die wir Menschen besitzen, die dir das verschissen Gehirn so richtig zum Durchdrehen bringen kann.


Szenenwechsel. Zitternd fuhren meine Hände über Clyde’s Gesicht. Meine Augen geschlossen. Ich versuchte ihn am Gefühl zu erkennen. Versuchte zuerkennen, ob diese Gesichtszüge sich genauso anfühlten. Ich fuhr über seine Hände, sein Arme und spürte er war noch immer Clyde. Doch dann, als ich die Augen öffnete, entstand erneut dieses Chaos im Kopf. Und diese Starre machte es mir unmöglich weg zu gehen. Stattdessen begannen mir Tränen übers Gesicht zu laufen. Von jetzt auf gleich breitete sich dieses Chaos erneut aus und machte mein Seele taub. 
Die Wahrnehmung meiner Sinne - der Geruch, das Gefühl beim ihm im Arm zu liegen, die Stimme, das Hören, wie er sprach und atmete, all das versprach, dass er Clyde war, doch die stärkste Wahrnehmung eines Sehenden ist das Sehen. Das Sehen hat so viel mehr Gewicht, als der Rest unserer Wahrnehmung. Und dieser Sinn schrie mich an, das ist NICHT Clyde.
So und nun versuch einmal irgendeinen klaren Gedanken zufassen, wenn sich alle Gedanken gegenseitig bekämpfen. 
So sehr ich wollte, dass es aufhörte, so sehr flossen mir die Tränen über die Wangen. Weinte nicht nur das ich Clyde nicht mehr erkannte, sondern auch um den irrsinnigen (nicht realen) Fakt ihn verloren zu haben. All die Merkmale, den Charakter unsere Erinnerungen, all das verloren zu haben, von jetzt auf gleich. Dass Clyde mich verlassen habe. 
Ich erinnere mich nicht, doch es fühlte sich ewig an, wie ich so in seinem Arm lag, mich erbärmlich fühlte, es mir nicht gelang Ruhe in meinen Kopf zu bringen und zu verstehen, dass er es wirklich war. Stattdessen fand ich keine Ruhe, die Panik stachelte mich an, immer wieder zu glauben Clyde wäre gegangen. Jeder Blick in sein Gesicht stach unheimlich im Herzen und wühlte die Seele auf.So ein mächtiges Chaos im Kopf kannte ich bisher nicht. Das ich weinte verstand ich auch nicht.


Schon einige Zeit leben wir nebeneinander ein gemeinsames Leben. Ich mit meiner Blindheit. Es ist etwas, in dem ich Positives finde - jetzt liebe ich sein Lächeln, mehr als zuvor. Sehe beide in ihm. Ich hoffe es wird noch mehr sein, was ich erkennen darf, irgendwann. Das beide Gesichter zu Clyde gehören. Solange verliere ich mich in dem neuen verrückten Chaos, was er auslöst, wenn er mir sein Lächeln schenkt. Auch wenn es manchmal Tränen bedeutet, genieße ich diese Reise.


Gesichtsblindheit. Es ist ein Begriff, der viel beschreibt und doch kaum einer nachempfinden kann. Ich versuche offen damit umzugehen, meine Erfahrungen zeigen, dass ich so Vertrauen zu Menschen aufbauen kann. Ehrlichkeit ist hier der Schlüssel, um selbst damit im Reinen zu sein - den Menschen zu verstehen zu geben, dass man aus eigenen Stücken nur bedingt normal agiert und es kann. In der sozialen Ebene gibt mir die Gesichtsblindheit Möglichkeiten bestimmte Dinge zu erkennen. So wenig wie es mir möglich ist, Gesichter in meiner Erinnerung zu speichern, desto mehr erkenne ich Mimik und Gestik in dem mir gegenüber noch im selben Moment und kann mir schnell und fast immer treffsicher einen Eindruck über diesen Menschen erschaffen. Möglich wird das anhand seiner Mikroreaktionen im Gesicht und wohl auch den offensichtlichen Mimiken. Gesehen immer auf den aktuellen Moment, dem realen Gesicht vor mir. Kann für mich entscheiden, ist dieser Mensch jemand, der mir gut tut oder nicht - nicht zuletzt mein höchster Wunsch an die Umgebung um mich.
Verblassende Gesichter. Segen und Fluch, wie ich denke. Momentan schenkt es mir viel der Kreativität, die ich suche. Kann meine Hüllen (von Gesichtern) auf Bildern mit Leben füllen, darf mich verlieren, weil ich mich sowieso nicht erinnern kann.

Freundschaft & Liebe erkenne ich am Gefühl.

Zum Schluss möchte ich die einzige Ausnahme dieser Gesichtsblindheit erwähnen, die mir erst dann bewusst wurde, je mehr ich darüber nachdachte, dass ich blind sei. Meine Familie, die ich seit Kindertagen um mich hab, erkenne ich sogar jetzt, wie ich hier sitze fast! vollständig in meiner Erinnerung. Genauso, wie ich sie am Gesicht erkenne, wenn sie zur Tür herein komme. Das schenkt in mir die Hoffnung, dass vielleicht Menschen, die sehr lange und voller Vertrauen an meiner Seite verweilen doch irgendwann irgendwo und irgendwie da oben in meinen Gedanken abgesichert werden können.



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